26 Juli 2006

Ist Baschi ein Drückeberger?


Wir erhalten gerade verschiedene Mails von Zivildienstleistenden, die sich über einen Artikel in 20 Minuten zum Thema Militärdienstverweigerung von Kulturschaffenden (S. 22) aufregen. Anscheinend fällt es 20 Minuten schwer, den Zivildienst, trotz seines mittlerweile 10-jährigen Bestehens, vom Zivilschutz zu unterscheiden.

A. B. schreibt uns:
"Ich bin sauer. Die idiotischen Partyredaktoren R. H und D. C. (Namen initialisert. Anm. Pendlerblog) von 20 Minuten können wiedermal nicht zwischen Zivildienst und Zivilschutz unterscheiden. Ich mache Zivildienst, leiste damit eineinhalb mal so lange Dienst am Vaterland wie ein doofer Militärfuzzi. Anstatt täglich dreimal den Gewehrverschluss zu polieren und einen imaginären Feind zu bekämpfen, mache ich im Zivildienst etwas Sinnvolles (Pflege), bei der meine Arbeitsleistung nicht einfach in der Luft verpufft.

Die Arbeit ist anstrengend und mindestens gleichwertig wie der Militärdienst wenn nicht höherwertiger. Der Pflegebereich würde ohne Zivis gar nicht mehr funktionieren. Das sollte in der Öffentlichkeit nun langsam bekannt sein. Und trotzdem darf ich dann in der grössten Zeitung der Schweiz hirnamputierte Sätze lesen wie:

"Auch Musikstar Baschi ist ein Drückeberger. Er leistet wie der Zürcher Reggae-Star nur Zivildienst"

Tom7 schreibt uns:
"...Fakt ist: Leute, die Zivildienst leisten, leisten 1,5 Mal soviel Diensttage wie ein Soldat. Um zum Zivildienst zu gelangen, muss man ein aufwändiges Gesuchs-Prozedere auf sich nehmen, welches einen immensen schriftlichen Aufwand bedeutet (Darlegung der Gewissensgründe, ausführlicher Lebenslauf) sowie eine einstündige Anhörung bzw. Befragung. Danach ist man an viele Leitplanken gebunden wann, wie und wo man die Einsätze zu leisten hat. Für die Einsätze wird man nicht eingeteilt, sondern muss sich selber bewerben, was immer wieder einen grossen zeitlichen Aufwand bedeutet. Ausserdem gibt es Schwerpunktprogramme, das heisst man muss den Grossteil der Einsätze z.B. im Pflegebereich (Alters-/Behindertenheim) absolvieren. Zivildienstleistende sind armeetauglich, wollen aber aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten. Sie nehmen einen Mehraufwand bewusst in Kauf und sind alles andere als „Drückeberger“. Sie wählen den korrekten Weg, während es auf dem „blauen Weg“ immer mehr gibt, die wie in Ihrem Artikel dargestellt mit fadenscheinigen Begründungen durchkommen. Redewendungen wie „taugt nur“ oder „leistet auch nur Zivildienst“ sind also völlig fehl am Platz. Ich bin selbst Zivildienstleistender, habe aber die RS sowie 2 WK’s absolviert. Ich denke, ich weiss wovon ich spreche. Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, die restliche Zeit im Militär einfach abzusitzen. Meine Erlebnisse in der Armee und die Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, bewogen mich die Diensttage aber auf sinnvollere Art und Weise zu absolvieren.
Naja.

Nachtrag der unmündige Leser, 28. Juli. 06:
Mehr dazu bei Buchi.

10 Kommentare:

Am 26 Juli, 2006 15:08 meint Anonymous Anonym ...

den leserbriefschreibern alle achtung, wer das prozedere zum wegkommen auf sich zieht macht einiges durch, und wer in der rs selber wegzukommen versucht muss grad noch mehr 'leisten'... ich unterstuetzte auch immer jeden der weg wollte und es gut begruendete..

wer sich jedoch wegluegt, der gehoert 20x ueber die hindernisbahn. auch wenn man 80% sensationsjournalismus und 10% party-journi wegzaehlt bleibt mir der schnauf weg ob der 'begruendungen' dieser 'kulturschaffenden', und fuer mich haben diese youngsters (waren ja nicht in der RS, ergo auch keine maenner ;-) nichts mit den leserbriefschreibern zu tun die wirkliche stories zu erzaehlen haben!!!

 
Am 26 Juli, 2006 15:13 meint Anonymous Anonym ...

Wann veröffentlicht jemand, wer sich von der 20min-Red. alles "gedrückt" hat?

 
Am 26 Juli, 2006 16:58 meint Anonymous der untaugliche besserwisser ...

und dann gibts da immernoch solche, die tatsächlich untauglich sind und sich weder "drücken" noch "weglügen".

dass 20min alle (und noch viele mehr) in den gleichen topf schmeissen, ist ja leider nichts neues

 
Am 27 Juli, 2006 16:25 meint Anonymous Anonym ...

- doppelt so lang? - richtig!
- gleichwertig? - vermutlich!
- "doofer Militärfuzzi"? - zurück auf feld 1!

 
Am 27 Juli, 2006 16:26 meint Anonymous Anonym ...

also ich bin auch im militär habe aber noch nie dreimal täglich den gewehverschluss geputzt

 
Am 27 Juli, 2006 16:30 meint Blogger Der unmündige Leser ...

Als Rüstungsexperte kann ich ja auch sagen, dass es durchaus Sinn macht, dreimal pro Tag den Gewehrverschluss zu putzen.

 
Am 27 Juli, 2006 17:54 meint Anonymous A. B. ...

anonym. ich war mir natürlich nicht bewusst, dass mein mail einszueins veröffentlicht wird und hab deshalb eine sehr drastische sprache gewählt. zum doofer Militärfuzzy. Ich war einfach sauer. ich finde natürlich nicht, dass leute die militär machen einfach doof sind. aber ich war so sauer auf die autoren dieses artikels, weil sie sich so selbsherrlich hingestellt haben, als ob der militärdienst die höchste aller aufgaben wäre. und mir hats dann einfach den deckel gelupft. wir zivildienstleistenden werden so oft als untauglich oder drückeberger hingestellt, nur weil man uns mit den zivilschutzleistenden verwechselt, die (unberechtigterweise?) den "blauen weg" gehen.

in wirklichkeit sind wir aber sehr wohl tauglich und leisten zudem ein einhalb mal so lange dienst wie die soldaten. Leider passiert diese Verwechslung zu oft. ich muss ständig den leuten erklären, was zivildienst ist. und solche artikel helfen nicht ungerechtfertigte vorurteile abzubauen.

 
Am 27 Juli, 2006 19:55 meint Anonymous Anonym ...

- a. b.? chapeau, rücke 5 felder vor!

 
Am 28 Juli, 2006 11:59 meint Anonymous BuchiBlog ...

Manual Trackback

Ich habe noch folgendes Mail an die 20Min-Redaktion geschrieben. Leider hat mir bis heute niemand geantwortet:

Sehr geehrter Ralph Hennecke, Sehr geehrter David Cappellini,

Ich finde ihren Artikel "Kein Block auf RS: Schweizermusiker sind Drückeberger" total daneben. Der Teil über die Musiker, welche mit faulen Ausreden U.T. geschrieben worden sind ist akzeptabel. Wer so vom Militär loskommt ist tatsächlich ein Drückeberger. Doch die folgenden Sätze stören mich unheimlich: "Auch MusicStar Baschi Bürgin ist ein Drückeberger. Er leistet wie der Zürcher Reggae-Star Phenomden nur Zivildienst." Zwar ist der Zivildienst tatsächlich ein Ersatzdienst und man kann daher schon "nur Zivildienst" schreiben. Doch mit Drückeberger sein hat Zivildienst leisten gerade gar nichts zu tun! Zivildienstleistende müssen das 1,5-fache an Diensttagen leisten. Zu dem kommt, wer seit der Armee-21 ein Bisschen unmotiviert an die Aushebung geht, wird in der Regel als untauglich ausgemustert. Da der Zivildienst die Militärdiensttauglichkeit voraussetzt kann in der Folge also nicht mehr Zivildienst geleistet werden. Jemand der Zivildienst leisten will, muss trotz seines Gewissenskonflikts zuerst mal auf die Diensttauglichkeit beharren. Mit dem Risiko, dass das Zivildienstgesuch auch abgelehnt werden könnte. Dann muss ein ungefähr 5 Seiten langes Gesuch, mit Lebenslauf und Begründung des Gewissenskonflikts eingereicht werden und an einem einstündigen "Verhör" vor der Zulassungskommission muss der Kanditat seinen Gewissenskonflikt begründen, was relativ erniedrigend ist und einem Persönlichkeit-Strip gleich kommt. All diese Bemühungen führen schliesslich dazu, dass der Zivildienstleistende mehr Dienst leistet. Wer in Kauf nimmt, dass er viele Persönliche Details einer Kommission vortragen muss, um schlussendlich mehr Dienst für die Schweiz zu leisten, ist definitiv kein Drückeberger. Zivildienstleistenden lieben ihr Land und dienen im auch gerne, sie wollen dies aber in einer für sie sinnvolleren Art tun als Militärdienst leisten. Dies ist aber trotzdem ehrenhaft!

Mit freundlichen Grüssen

Dominik Bucheli
selber Zivildienstleistender und Hobbymusiker (www.kulturattentat.ch)

 
Am 14 August, 2006 13:45 meint Anonymous Esther ...

Dank an Buchi und die anderen Leserbriefaschreiber, welche den Mist der peinlichsten «Zeitung» der Schweiz wieder einmal wiederlegen müssen! Zivildienstleistende als Drückeberger hinzustellen geht einfach nicht!

Aber wenn wir schon dabei sind: Wer sich vor dem Militärdienst drückt, tut mehr für die Schweiz als wer hingeht. Mensch denke nur an die ganze Materialverschwendung und die Sinnlosigkeit der Schweizer Armee in Bezug auf heutige Gefahren, welche sich nicht militärisch entschärfen lassen. Wer sich «drückt» zahlt immerhin Ersatzabgaben und bessert so den Staatshaushalt auf. Ich finde es darum moralisch und aus Staatsraison völlig falsch, diejenigen zu verurteilen, die *keinen* Militärdienst leisten.

 

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