18 November 2005

Fear, Uncertainty, Doubt

Die Musikindustrie jammert. Das ist nicht neu. Das böse Internet hat angeblich alle CD-Käufer vertrieben. Doch das Imperium schlägt zurück. Über Monate haben Mitarbeiter des Musik-Branchenverbands IFPI Schweiz die IP-Adressen der Schweizer gesammelt, die sich Musikstücke über Online-Tauschbörsen besorgt haben. Nun droht die IFPI damit, jeden einzelnen dieser Tauschbörsen-Nutzer zu verklagen.

Natürlich ist das Unsinn. Erstens beschäftigt die Musikindustrie nicht genug Anwälte, um den Grossteil der Schweizer Computernutzer einzuklagen. Zweitens ist in der Schweiz das Tauschen von Musik unter Familie und Freunden nach wie vor erlaubt (Artikel 19, Urheberrechtsgesetz, vgl auch Bloggingtom). Drittens rücken die Internet-Provider aus Gründen des Datenschutzes nur mit den Namen der Besitzer der IP-Adresse raus, wenn auch ein klarer Strafbestand besteht.

Das eigentliche Ziel dieser Kampagne ist die Einschüchterung der Tauschörsen-Nutzer, im Fachjargon auch FUD (Fear, Uncertainty, Doubt) genannt. Eine Kommunikations-/Marketingstrategie, die den Konkurrenten (Tauschbörsen) bekämpfen soll mit Hilfe von subtiler eher unterschwelliger Falschinformation. Das Ziel: Furcht, Ungewissheit und Zweifel gegenüber den Tauschbörsen hervorzurufen. Wer Musik kostenlos vom Internet runterlädt, soll sich als Diebespack fühlen, Angst kriegen und nur Musik hören dürfen, wenn Lizenzgebühren fliessen.

Was wäre nun die Aufgabe der Medien? Richtig: Die unwissenden Leser und Leserinnen über diesen komplexen Sachverhalt ausgewogen aufzuklären. Den FUD als solches zu erkennen. Vielleicht sogar etwas hintergründiger über die gesellschaftliche Probleme, die beim Musiktausch im Internet entstehen, hinzuweisen. So macht das beispielsweise die NZZ in ihrer heutigen Ausgabe.

Was macht aber die grösste Zeitung des Landes?

Sie verteilt kostenlos FUD an 1 Million Schweizer. Sie verbreitet nicht nur eine halbe Seite lang unnötig Angst, unterlässt nicht nur den Abdruck einer Stellungnahme der Gegenseite und unterschlägt nicht nur die obige Informationen, sondern wäscht der Musikindustrie auch noch eine moralisch blütenreine Weste in dem sie den IFPI-Geschäftsführer noch in die Anführungszeichen säuseln lässt:
«Es geht dabei vorwiegend um erwachsene, berufstätige Menschen, die sich Musik leisten können, und nicht um ein paar Kids» (gestern, S. 19 oder online).

Wie er diese Unterscheidung bei anonymen IP-Adressen machen will, bleibt schleierhaft.

Interessant wäre die Frage, ob man für solche redaktionellen Leistungen bezahlen muss, oder ob sich die "Journalisten" so leicht übertölpeln lassen.

3 Kommentare:

Am 18 November, 2005 18:05 meint Anonymous Anonym ...

Hallo 20 Minuten,

Weshalb so unkritisch in Sachen IFPI und die "Raubkopierer"? Alles 1:1 übertragen, was die Industrie verlangt. Schade, etwas mehr Recherche hätte ich schon erwartet von einer seriösen Zeitung.

Pendlerblog: 20 Minuten verbreitet weiterhin FUD
Der Angriff gegen Raubkopierer: BüPF schon gelesen, IFPI?
20 Minuten: IFPI Filesharer Jagd nur heisse Luft

Beste Grüsse,

Fredy Künzler
Autor von blogg.ch und blog.kuenzler.ch

 
Am 18 November, 2005 18:06 meint Anonymous Anonym ...

(obiges Email habe ich eben an 20 Minuten geschickt)

 
Am 30 November, 2005 22:26 meint Anonymous Lämmergeier ...

Die juridische Seite ist unklar und es gibt diverse Rechtsmeinungen über den Download von illegaler Quelle. Bezüglich des Upload gibt es kaum Unklarheiten. Eines ist aber ganz sicher klatzustellen: Durch die Verbreitung über illegale Tauschbörsen kommen die Musiker und Komponisten um einen Teil des ihnen zustehenden Einkommens. Und es ist schon recht seltsam, dass alle Welt davon ausgeht man hätte ein moralisches Recht dazu.

 

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